Donnerstag, 24. Dezember 2015

Ortswechsel - Über das Reisen und Oslo im Dezember

Skulptur des norwegischen Künstlers Munch an einem Wintertag
„Wie kommst du auf die Idee, mitten im Winter nach Norwegen zu fahren?“ Als ich kürzlich stolz meine Reisepläne verkündete, wurde ich das mehr als einmal – fast verwundert - gefragt. „Ich phantasiere dauerdunkel“, schrieb eine Freundin. Ich erwiderte: „Ich auch – und bitterkalt“.

Ich bin zwar eigentlich ein Sonnenmensch, die zu erwartende Witterung konnte mich aber trotzdem nicht abschrecken. Mein Entschluss stand fest: „Ich will weg! Mal wieder raus aus Berlin, Abstand zum Alltag gewinnen, was Neues entdecken – warum nicht Norwegen?“

Solches Reisefieber hatte ich, ehrlich gesagt, schon lange nicht mehr. Vor lauter Vorfreude auf Oslo bin ich in Berlin förmlich durch die Straßen gehüpft. In letzter Zeit war ich selten über die Stadt- und schon gar nicht über die Landesgrenzen hinaus gekommen – allerdings ein freiwillig gewähltes „Schicksal“: Zu reisen hatte ich lange nicht vermisst. 

Früher war das anders. Da war ich mindestens einmal im Jahr irgendwohin unterwegs. Ich bin durchaus schon herumgekommen – von der amerikanischen Ost- und Westküste bis nach Sankt Petersburg in Russland, von Dänemark bis Italien und Spanien. Immer wieder hat es mich ans Meer gezogen: zur Nord- und an die Ostsee, aber am liebsten ans Mittelmeer. Diverse europäische Hauptstädte habe ich auch schon, teils mehrfach, erkundet: Amsterdam, London, Paris, Budapest, Wien, Warschau und Vilnius. Diese Reihe wollte ich eigentlich längst fortsetzen, aber ich hatte eben zuletzt einen inneren Reisestopp.


Blick auf den Hafen von St. Peter Port, Guernsey vom Arbeitszimmer des Schriftstellers Victor Hugo aus
Mein bis dato letzter Auslandstrip: Vor vier Jahren habe ich eine (viel zu) kurze Zeit auf der Kanalinsel Guernsey verbracht. Streng genommen war das kein Urlaub, sondern Arbeit. Aber angenehme! Ich war vier Tage dort, habe - dank der tollen Pressebetreuung - viel gesehen und eine Reisereportage über das Eiland im Ärmelkanal geschrieben - leider nur noch kostenpflichtig und in einer Kurzform im Netz…

Bunte Wegweiser auf dem Wanderweg entlang der Küste auf der Kanalinsel SharkAls verhinderte Britin hatte ich mich sowieso gleich in Guernsey verguckt - in die adretten Cottages überall auf der Insel, das malerische Hafenpanorama der Hauptstadt St. Peter Port, die wunderschönen Wanderwege an der Küste entlang und sogar in die Kühe. Es handelt sich nämlich um eine spezielle Rasse: gutmütig grasende, brünette Tiere, die eine besonders fettreiche Milch geben, aus der die - meines Erachtens - beste, sattgelb strahlende Butter und das leckerste Eis gemacht wird. Da läuft mir heute noch das Wasser im Mund zusammen.

Wenn ich verreise, bemühe ich mich immer um ein möglichst intensives  „Eintauchen“ in die andere, neue Welt. So kann ich für eine kurze Zeit in eine andere Haut schlüpfen. Ich mag es mir vorzustellen, wie es wäre, würde ich am Urlaubsort leben. Ich frage mich auch: Wenn ich dort aufgewachsen wäre - wäre ich ein anderer Mensch, hätte ich andere Charakter- und Wesenszüge? Ich möchte wissen, wie das Leben sich anderswo anfühlt: Wie riecht es dort, wie ist die Stimmung, was essen die Menschen, wie verbringen sie ihren (All-)Tag?

Leuchtende Weihnachtsbäume auf einem Steg im Hafen von OsloDas ging mir schon als Kind so, als meine Eltern mit uns häufig in die Niederlande fuhren. Ich ließ mich bereitwillig auf das wabbelige Weißbrot und andere kulinarische Fragwürdigkeiten wie „Frikandeln“ ein - genauso wie auf das „Fietsen“, das Radfahren auf den typischen Hollandrädern mit knackender Drei-Gang-Schaltung, falls überhaupt eine vorhanden war. Damit ging es vorzugsweise an den typischen kleinen Grachten entlang - und gefühlt IMMER gegen den Seewind. Ich habe Sprache, Lebensgewohnheiten und alles Ungewohnte mit großer Neugier entdeckt.

Meiner „Schwiegermutter“ fiel das vor gut 20 Jahren besonders auf: Ich war mit meinem damaligen Freund und dessen Eltern am Balaton. Meine Fast-Familie verbrachte seit Jahren den Sommerurlaub am Plattensee. Ich dagegen war das erste Mal mit ihnen in Ungarn und überhaupt im östlicheren Teil Europas unterwegs. An einem der letzten Urlaubstage hatten wir einen Ausflug nach Tihany gemacht. Das kleine, malerische Dorf am Balaton liegt etwas erhöht. Ich genoss gerade den Ausblick auf den See und hörte sie ihrem Mann zuflüstern: „Wir waren schon so oft hier, aber mit Andrea ist das irgendwie anders. Das ist, als sähe ich das hier zum ersten Mal. Sie nimmt alles so intensiv auf.“

Plan der U-Bahn in OsloUm ein Gespür für das Verschiedene, das Fremde zu bekommen, interessiert mich übrigens auch Banales, die Produkte in den Supermarktregalen zum Beispiel. Das steht wahrscheinlich nicht bei vielen als „Sehenswürdigkeit“ auf der To-Do-Liste, wenn sie verreisen. Bei mir gehört es dagegen dazu, einen sorgfältigen Blick auf das Supermarktsortiment vor Ort zu werfen – und gegebenenfalls ein paar spannende Produkte auszuprobieren. 

Kulinarisch mache ich allerdings nicht alles mit, was mir mein Gastland anzubieten hat. Bei Tapirbraten, Maden im Speck oder gegrillten Schweinsfüßen wäre bei mir definitv Schluss. Ich habe, als ich mit 17 erstmals in Frankreich – in Paris - war, schon bei Escargot den Geschmackstest verweigert. Und jüngst – endlich sind wir wieder in Olso und in der Gegenwart – verschmähte ich auch Elchburger.

Eingang des Opernhauses in OsloWarum also Oslo - im Dezember? Freunde von mir hatten für ihre Urlaube dieses Jahr weit exotischere Ziele gewählt: die Malediven, Thailand oder sogar die Mongolei. Ich überlegte: Entweder auch ich fliege der Sonne entgegen– oder starte ein komplettes Kontrastprogramm. Ich entschied mich für Letzteres. Vielleicht käme ich im Norden in Winter- und Weihnachtsstimmung?

Skandinavien hatte mich schon lange gereizt: Vor vielen Jahren schwärmte mir eine Studienfreundin wieder und wieder von ihrer tollen Zeit in Oslo vor. Das hatte ich noch im Ohr - und die Bullerbü-Bücher meiner Kindheit im Hinterkopf. Außerdem war ich schon mehrfach eingeladen worden, die norwegische Hauptstadt zu besuchen. Das war ganz in meinem Sinne: Ich hätte Gesellschaft einer „Einheimischen“ und damit eine Portion Alltag inklusive. Gedacht, gebucht - Going North

Ich rechnete mit erheblichen Minusgraden – und suchte schon mal die Skihose raus, die sich meiner Vorstellung nach auch als praktisches Outfit für Stadtspaziergänge bei frostigen Temperaturen eignen könnte. Am Tag vor der Abreise kam aber Entwarnung: Nieselregen bei leichten Plusgraden. „Lieber eine wasserfeste Jacke einpacken“, hieß es in der SMS aus Oslo. Gute Wetteraussichten waren das nicht. Ich befürchtete Schlimmstes. 

Menschen auf dem Dach der Osloer Oper im SonnenuntergangAber Oslo meinte es gut mit mir: Als ich ankam, klarte der Himmel auf, die Sonne schien. Sie stand zwar mittags schon auf „halb acht“, also recht tief, aber das machte ein umso schöneres Licht. Das zeigt sich auf den meisten Fotos, die ich „geschossen“ habe - vor allem auf denen am Hafen, auf denen, die ich von der alten Festung aus, die den Fjord überragt, gemacht habe sowie auf denen, die auf der Oper geknipst wurden. 

Der moderne Bau liegt ebenfalls am, eigentlich im Wasser und man kann ihm tatsächlich aufs Dach steigen. Je höher man klettert, umso mehr muss man allerdings dem - zumindest manchmal - starken Meereswind trotzen. Durch den Sonnenschein und die gefühlt lange Sonnenauf- und -untergangs-Stimmung war das „Dauerdunkel“ gar nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Richtig schön wurde es, als die Temperaturen auf Minus zwei bis vier Grad fielen: Alles überzog sich mit einer glitzernden Schicht Rauhreif – dadurch kamen besonders die Skulpturen von Vigeland, dem neben Munch bedeutendsten Künstler Norwegens, gut zur Geltung. Sie sind überall im Stadtbild, vor allem aber in einem Park ganz in der Nähe meiner Osloer Wohnstätte zu finden.

Wolken und Meer im Sonnenuntergang - Osloer WinterIch ließ mich von Oslos Charme und Zauber so richtig einfangen. Der begann für mich bereits im Untergrund, in der T-bane. Die Stationen sind teils nicht nur toll gestaltet, sondern mit wohlklingenden Namen versehen. Ich jedenfalls versuchte mir vorzustellen, wie es wohl ist, wenn man bis "Bergkrystallen" fährt und dort aussteigt. Auch Grønland klang interessant. Iglus und Inuit findet man dort zwar nicht vor, dennoch ist es eine andere Welt: Es ist ein Multikulti-Viertel und erkennbar nicht so wohlhabend wie der Rest der Stadt. Man könnte es das Neukölln von Oslo nennen. 

Auch sonst kann Oslo eine Stadt der Kontraste sein: Ich besuchte Gamle Oslo, das nicht etwa gammelig, aber alt ist, und modernere Stadtteile wie Tjuvholmen, ein sehr neues Einkaufs- und Ausgehviertel. Klar war ich auch in Grünerløkka, dem Prenzlberg vergleichbar, und habe dort - das macht man hier wie dort so - lange in einem netten Café gesessen. Nur die Preise sind deutlich anders! 

Ich genoss im Übrigen auch den freundlich-melodischen Klang der Sprache um mich herum, der irgendwie putzig ist. Jedenfalls freute ich mich immer auf die warme Frauenstimme, die bei der Abfahrt von Stortinget, Nationaltheateret oder Majorstuen ankündigte: „Dørene lukkes!“ (Türen schließen). Glaubt es oder nicht: Das hört sich wirklich schön an!

Der Eingang des Peace Centers in OsloIch war übrigens zu den Nobeldagene, der Verleihung des Friedensnobelpreises und den Feierlichkeiten rundherum, angereist – das war Zufall, aber ein schöner. Am Tag der Zeremonie hatte ich mich einfach durch die Innenstadt treiben lassen - vom Hauptbahnhof bis zum Schloss über den Weihnachtsmarkt samt Eisbahn, vorbei an Kathedrale und Parlament, durch die Einkaufsmeile mit Läden wie „Mood of Norway“ oder „Stress“. Beide Läden betrat ich nicht: A) Ich war schon in meiner besten norwegischen Laune. B) Vielleicht eine skandinavische Seltsamkeit? In Oslo wirkt alles so ruhig und relaxt, dass man anscheinend meint, sich ein bisschen belebende Aufregung kaufen zu müssen. Ich jedoch verzichtete dankend – ich wollte die Hektik ja hinter mir lassen.

Kontur des Rathauses von Oslo, Norwegen im GegenlichtSchließlich landete ich vorm Rathaus – und war pünktlich zur Ankunft der Staatsgäste am Platz. Die Limousinen rauschten dicht an mir vorbei, vor mir ein bärig-gemütlicher Polizist, der ein paar bewaffnete Kollegen, die sich etwas im Hintergrund hielten, dirigierte. Waffen seien ein neuer Anblick im Stadtbild, das habe es vor dem Amoklauf von Breivik nicht gegeben, klärte mich meine Gastgeberin später auf. Die Schaulustigen kamen dem Geschehen trotz der neuen Vorsicht nah genug, um einen Blick auf König, Königin und Mette-Marit zu erhaschen.

Selbstverständlich ließ ich mich auch wieder aufs Kulinarische ein. Wie gesagt, Elch aß ich nicht. Auch keinen Stockfisch. Dafür gab es morgens vollkornartiges Brot mit Beeren-Beimischung. Darauf süßlicher, seltsam brauner Käse. Das mag nicht appetitanregend klingen, schmeckte mir aber fantastisch. 

Ein Muss ist für mich stets auch die Verkostung der besten ortsüblichen Schokolade. Die Marke der Wahl heißt Freia. Was soll ich sagen? Sie ist köstlich! :) An Weihnachten gibt es sogar eine Special-Edition: Schokolade nicht als Tafel, sondern in Form einer Orange. Ebenso wie das Obst in Stückchen geteilt, nur ohne lästiges Pellen. Ich bin auf den Geschmack gespannt: Sie steht heute, an Heiligabend, auf meinem Menü.

Der beleuchtete Hafen in Tjuvholmen, Oslo, Norwegen
Á propos, ich kam auch dem Zweck meiner Reise näher: der Weihnachtsstimmung. Rauhreif-Romantik, festliche Beleuchtung im Stadtbild und eine Fahrt in der „Weihnachtstram“ haben den gewünschten Effekt erzielt. Nachmittags gegen halb fünf, schon im Stockdustern, stieg ich am Nationaltheater Richtung Majorstuen in die „Trikk“, eine blaue Straßenbahn. Vom Dach hingen Lichterketten wie glitzernde Eiszapfen herab und drinnen wurden amerikanische Weihnachtsklassiker wie „White Christmas“gespielt.

Ich habe versucht, mir solch ein Szenario in Berlin vorzustellen. Geht eher nicht, oder? Zu Oslo passte es aber irgendwie. Die strohblonden Mädchen um mich herum, eines im roten Mantel, eines in einem rosa Tütü, sahen sowieso schon aus wie nordische Weihnachtselfen. Ich rechnete auch jederzeit damit, dass Astrid Lindgren persönlich zusteigen und eine Geschichte erzählen würde. Von Michel, Madita oder Mio, aus Bullerbü oder Nangijala zum Beispiel.

Skulptur und schicke Standuhr im Osloer HafenDas tat sie natürlich nicht, wie auch? Aber irgendwie kam mir Oslo doch vor wie ein Weihnachtsmärchen. Der Alltag holte mich nur Stunden später wieder ein, als ich in Schönefeld – der Name ist ganz klar NICHT Programm - aus dem Flugzeug stieg, in den miesen Nieselregen hinaus trat und in der S-Bahn in mürrische, graue Gesichter schaute.

Egal, jetzt ist Weihnachten - und zumindest gefühlt wie in Oslo! 

GOD JUL!

P.S.:

Wie konnte ich nur vergessen, wie schön es ist, hinter jeder Ecke, um die man biegt, etwas Neues zu entdecken?  

Samstag, 5. Dezember 2015

Nailas Familie

Namenszug Naila als Logo

Nennen wir sie Naila.

Naila heißt allerdings nicht wirklich Naila. Aber ich möchte hier einen Teil ihrer Geschichte erzählen. Und um sie zu schützen, gebe ich ihr einen neuen Namen. Einen der - wie ich finde - ebenso gut zu ihr passt wie ihr eigener.

Naila ist ein arabischer Name. Er bedeutet unter anderem: "Die besonders Schöne", "Die mit den großen Augen" und - last, but not least - "Die Willkommene".

Naila ist ein schönes Mädchen. Sie hat schulterlanges, dunkles Haar, ein hübsches, freundliches Gesicht und sehr große, braune Augen. Augen, die leuchten können, wie nur Kinderaugen leuchten. Augen, in denen man sieht, wie aufgeweckt sie ist. Augen, in denen aber auch schon Tiefe und eine gewisse Traurigkeit steckt. Denn Naila ist zwar erst zehn, aber sie hat schon eine Menge erlebt.

Naila wurde 2005 in Syrien geboren, hat dort seit Jahren Krieg und Terror erlebt und ist - wie tausende anderer Menschen in diesem Jahr - aus ihrem Heimatland geflohen. Seit ungefähr sechs Monaten lebt sie in Deutschland, und ich versuche zusammen mit etwas mehr als einem Dutzend Menschen dazu beizutragen, dass sie sich hier fühlt, wie es ihr Wahlname verspricht: als Willkommene.

Wenn man so will, ist Naila so etwas wie unser Patenkind. Wir fühlen uns inzwischen auch schon ein wenig wie "Nailas Familie" - und nennen uns ab und zu auch so. Naila hat jedoch nicht nur uns, sondern vor allem auch Vater, Mutter und vier Schwestern. Sie ist die mittlere Tochter, ein "Sandwich-Kind" sozusagen.

Naila ist jedoch ohne ihre Familie aus Syrien geflohen. Sie hat sich mit ihrer Tante und einem Cousin auf den Weg gemacht, hat das Meer in einem Schlauchboot mit 40 Personen überquert, ist zu Fuß durch den hohen Schnee in den serbischen Bergen gewandert und hat - in Deutschland angekommen - hier den gesamten langwierigen Prozess von der Registrierung bis zur Asylbewilligung durchlaufen. Naila darf zunächst bis zum Sommer 2018 bleiben. Sie hat schon angefangen, hier die Schule zu besuchen, und kann bereits ganz gut deutsch.

Buntes Logo mit dem Namen Naila

Vor ein paar Tagen ist Naila endlich aus dem Flüchtlingsheim, in dem sie sich bislang mit ihrer Tante ein etwa 15 Quadratmeter großes Zimmer teilte, in eine kleine Wohnung gezogen. Dort findet sie hoffentlich eine Art Zuhause. Es wird allerdings nur ein Zuhause auf Zeit sein. Und das ist gut so*.

Denn so bald wie möglich soll Naila wieder mit ihren Eltern und Schwestern vereint sein. Ihre Familie ist ein paar Monate später als die Tochter aus Syrien aufgebrochen und vor ein paar Wochen - ebenfalls wohlbehalten - in Deutschland angekommen. Allerdings sind Nailas nächste Verwandte noch nicht registriert, ihr Status ist unklar und sie sind deshalb derzeit in einer Art Container in einem Flüchtlingslager in Hamburg untergebracht: 16 Menschen bewohnen etwa 25 Quadratmeter. Einen Raum, der mehr oder weniger aus Betten besteht und nur ein Fenster hat, aber immerhin warm, sauber und sicher ist.

Naila ist also im Moment mehr oder weniger allein**. Zumindest ist sie von ihren liebsten Menschen seit Monaten getrennt - für ein Mädchen muss sich das anfühlen wie eine kleine Ewigkeit an Einsamkeit. Ende September hat sich Nailas Familie allerdings kurz wiedergesehen. Drei Nächte haben sie zusammen in Berlin verbracht. Zwei unter freiem Himmel - und eine in einer provisorischen Notunterkunft. Und da kommen "Nailas Familie" und ich so langsam ins Spiel.

Bei besagter Notunterkunft handelt es sich nämlich um, wenn man so will, mein "zweites Wohnzimmer": Einen Ort, den ich seit vielen Jahren an beinahe jedem Wochenende sowie an hohen Fest- und Feiertagen besuche, um dort Freunde zu treffen und vor allem um dort Tango zu tanzen. Die alte Fabriketage ist vor einigen Jahren zu einem sehr schönen Saal für Milongas, also für Tango-Veranstaltungen, umgebaut worden. Es ist ein Ort, an dem ich schon sehr viel erlebt habe: schöne Tänze, gute Gespräche, tolle Begegnungen und ausgelassenes Feiern. Und manchmal auch das Gegenteil davon. Aber das ist eine andere Geschichte - und soll ein anderes Mal erzählt werden***.

Seit einiger Zeit ist der Tanzsaal mehr als eine "Vergnügungsstätte": Als der Zustrom geflohener Menschen im Sommer so groß wurde, dass er für die offiziellen Stellen nicht mehr zu bewältigen war, begannen einige Tänzer sich für die Flüchtlinge einzusetzen. Unter anderem haben sie meinen Lieblings-Tango-Ort in manchen Nächten für Menschen als Schlafplatz zur Verfügung gestellt. Spätabends werden seitdem jeweils 20 bis 30 Flüchtlinge vor dem LaGeSo, dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, wo die Ankommenden sich in Berlin registrieren lassen müssen, "aufgesammelt" und zu den improvisierten Schlafstätten gebracht.

In den Farben des Regenbogens - der Name Naila

Eines Nachts war auch eben jenes syrische Elternpaar mit ihren fünf Töchtern unter denjenigen, die zur "Tangofabrik" gebracht wurden. Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht an der Flüchtlingshilfe beteiligt. Für mich war das alles nur eine ferne Nachricht - und ich hatte nicht mehr als lediglich am Rande zur Kenntnis genommen, dass sich Menschen aus meinem Umfeld, die mein Hobby teilen, für sie engagieren.

Zwei von ihnen schlossen Naila in dieser Nacht ins Herz - so sehr, dass sie ihrem Schicksal nachspürten. Sie fanden heraus, dass Naila mit ihrer Tante in Berlin blieb, während die übrige Familie nach Hamburg weiterreisen musste. Die familiäre Trennung, die vermutlich durch ein behördliches Versehen in all dem Durcheinander der Zigtausend entstanden ist, berührte die beiden so sehr, dass sie Abhilfe schaffen wollten. Ein Facebook-Aufruf brachte schließlich alles ins Rollen: In kurzer Zeit fand sich - dem sozialen Netzwerk sei Dank - eine Schar "Paten" zusammen, die nun gemeinsam das Ziel teilen, Nailas Familie wieder zusammenzubringen - und sie womöglich auch danach noch ein Stück beim Ankommen und Integrieren zu begleiten.

Wir haben Naila inzwischen ein paar Mal besucht, genauso ihre Familie in Hamburg. Wir haben Medikamente besorgt, Warmes zum Anziehen, kleine Leckereien, Bücher - einfach ein paar Sachen, die notwendig sind, und ein paar, die Freude machen. Wir kümmern uns darum, dass Eltern und Kinder ärztliche Versorgung finden, wenn sie nötig ist. Wir befassen uns auch damit, wie die Neuankömmlinge möglichst gut und schnell deutsch lernen können. Und natürlich unterstützen wir die Familie nach Kräften dabei, dass sie bald wieder zusammen sein kann. Das konfrontiert uns auf - sagen wir - lebendige Weise mit dem Asylrecht, mit überlasteten Behörden, mit Anwälten. Es gibt uns einen anderen Bezug zu dem, was Fernsehsender und Zeitungen täglich berichten, weil wir es nicht mit einer anonymen Masse, sondern mit realen Menschen zu tun haben.

Mit all dem, was wir tun,  versuchen wir, "Willkommen" zu sagen. Wir versuchen, mit Rat und Tat da zu sein, aber auch mit dem Herzen - und hoffen, es kommt an.

Die Begegnungen mit Naila und ihrer Tante, die ich bislang hatte, sind jedenfalls berührend, nicht immer problemlos, aber manchmal durchaus auch witzig und immer menschlich verlaufen. Als ich Naila zum Beispiel das erste Mal besucht habe, war ich mehr als gerührt: Das fremde Mädchen aus einer mir noch fremderen Welt kam mir gleich mit einer Umarmung entgegen und kuschelte sich kurze Zeit später auf meinen Schoß. Sie ließ sich bei den Hausaufgaben helfen, blätterte mit mir ein Bilderbuch durch und zeigte mir ihre Schätze - die Schätze einer Zehnjährigen, die allerdings recht wenig besitzt: ein paar Kuscheltiere, einen Lillifee-Malblock, Stifte - und einen Ohrstecker. Den anderen habe eine ihrer Schwestern. So sorgen die beiden über die Entfernung für Verbundenheit.

An diesem Abend lud uns die Teilfamilie zum Essen ein und teilte sehr gastfreundlich das Wenige mit uns, das sie haben. Ich habe das erste Mal wirklich arabisch gegessen - auf dem Boden sitzend und mit den Händen essend. Schmunzeln musste ich als Nailas Cousin meinte, er fände es komisch, dass wir hier nur dunkles Brot äßen. Das sei doch sicher ungesund. Ich lachte und meinte, hier würden viele genau das Gegenteil annehmen und auf keinen Fall weißes Brot essen wollen.

Was ich als bereichernd an dieser Patenschaft erlebe: Wir lernen voneinander, treffen uns von Mensch zu Mensch - und auch ich habe mich bei dieser Begegnung willkommen gefühlt. Es soll aber nicht unerwähnt bleiben, dass natürlich nicht alles eitel Sonnenschein ist. Es ist zuweilen schwierig und anstrengend. Es treffen nach wie vor sehr verschiedene Menschen mit recht unterschiedlichen Wertesystemen und kulturellen Hintergründen aufeinander. Das kann zuweilen sehr (heraus-)fordernd sein. Ich habe deshalb lernen müssen, dass man sich als Helfer abgrenzen und auch emotional auf sich achten muss.

Autokennzeichen: NAI-LA

Aber ich bin mit all diesen Erfahrungen (und manchmal auch Belastungen) nicht allein - die Menschen, die ich seit Jahren sehe, wenn wir fröhlich tanzen und feiern, sind innerhalb kurzer Zeit ziemlich nah zusammen gewachsen. Auch wir lernen uns neu und von anderer Seite kennen. Wir sind füreinander da, unterstützen und ergänzen uns. Das funktioniert auf eine erstaunliche Weise, so dass wir alle schnell gespürt haben: Es geht hier nicht nur um Nailas wahre Familie, auch wir werden so etwas wie ihre - und unsere - Familie. Möge es so bleiben. Denn wir haben noch ein ganzes Stück Weg vor uns, wenn wir Naila weiter begleiten wollen. Und das wollen wir.

Nailas Name hat übrigens noch eine Bedeutung: Er heißt übersetzt auch "Eine, die ihre Ziele erreicht". Und das wünscht ihr ihre Paten-"Familie" von Herzen!


P.S:
Wer meinen Blog inzwischen ein wenig kennt, wird sich jetzt vermutlich nicht darüber wundern, wie ich auf den Namen "Naila" kam, der so wunderbar zu dem Mädchen und ihrer Geschichte passt. Es war ein Freyzeichen!

Seit ein paar Wochen parkt direkt vor meiner Haustür immer wieder ein Auto mit dem Kennzeichen NAI-LA. Es fiel mir ständig ins Auge, ich fragte mich, was das soll - und irgendwann wusste ich, was ich damit anzufangen habe… :)


* frei zitiert nach Klaus Wowereit

** Minderjährige Kinder, die nicht in Begleitung eines Verwandten ersten Grades sind, werden im Amtsdeutsch "Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge", kurz UmF, genannt. Man könnte sie auch als "unsichtbare Kinder" bezeichnen: Sie werden - meist isoliert von erwachsenen Flüchtlingen - in eigenen Einrichtungen untergebracht. Darüber ist recht wenig bekannt. Es gibt in Berlin jedoch die Initiative UmKinder, die das ändern möchte.
Naila hat insofern übrigens Glück im Unglück: Sie hat ihre Tante dabei, die sie in Pflege nehmen konnte. So hat sie jedenfalls etwas familiären Rückhalt.

*** frei zitiert nach Michael Ende, "Die unendliche Geschichte"